König Ludwig II
Schloss Linderhof im Ammergau
DAS GROSSE KÖNIG-LUDWIG-II.-ABC

„EIN EWIGES RÄTHSEL WILL ICH BLEIBEN MIR UND ANDEREN …!

Er schuf das Herzstück mitten im Chiemgau: Schloss Herrenchiemsee. Jährlich pilgern rund 400.000 Königshaus-Romantiker nach Prien, Gstadt, Bernau, Übersee, Chieming und Seebruck, um von dort aus mit der Fähre auf die Herreninsel überzusetzen – zu jenem Schloss, in dem Ludwig II. (1845-1886) gerade mal zehn Tage wohnte. Verrückt? Oder einfach nur sehr speziell? Wir haben uns auf Spurensuche begeben und viel Kurioses zwischen Wahn und Wirklichkeit gefunden. Ein ABC der königlichen Kapriolen.

König Ludwig II
Der "Kini" als beliebtes Postkartenmotiv

Alphorn Folklore trifft Romantik: Ins Alp-horn stoßen die Schweizer, wenn sie des bayerischen Königs auf dem Rütli gedenken. Es heißt, dass er sich dorthin einst nächtens aufgemacht hat, um ein Bad im Mondschein zu nehmen. Nicht allein, sondern mit Schauspieler Joseph Kainz. Der war auserwählt, um am Münchner Hoftheater die Hauptrolle in Schillers Drama „Wilhelm Tell“ zu übernehmen. Zu Kainz’ und zur eigenen Inspiration pilgerte der König sodann zu Originalschauplätzen, ließ sich dort Schiller rezitieren und und veranlasste – um es vollkommen zu machen –, dass Einheimische im Hintergrund in Alp- und Jagdhörner stießen.

Badewanne Badewannen haben für gewöhnlich ein Füllvolumen von etwa 200 Litern, je nachdem, wie voll man es braucht und wie viel Schaum das Bad noch krönen soll. Der Gekrönte selbst, Ludwig II. also, dachte in ganz anderen Bade-Dimensionen. Er klotzte nicht nur bei der Außenarchitektur, sondern war auch beim Interieur anspruchsvoll. Seine Marmorwanne in Schloss Herrenchiemsee fasste das 300-fache: 60.000 Liter. So geht Baden.

Chiemsee Ein Schloss auf einer Insel mitten in Bayerns größtem See – mehr Romantik geht nicht. Für 350.000 Gulden angelte sich der König 1873 die ganze Herreninsel, auf der eigentlich ein zweites Versailler Schloss entstehen sollte. Letztlich wurde nicht einmal die abgespeckte Version fertig. Auch ein König hat eben nicht endlos Geld. Immerhin habe er wohl 17 Millionen Mark ins Gemäuer gesteckt. Ein großer Teil des Schlosses steht noch im Rohbau, der andere, der ausgebaute Teil, ist indes top eingerichtet. Alles nur vom Feinsten, vorneweg der Spiegelsaal. Am Ende brachte es der König nur auf zehn Tage, die er im Schloss wohnte. Zu wohnen allerdings verstand er: Jeden Abend wurden für ihn die rund 2.200 Kerzen im Spiegelsaal angezündet. Mehr Romantik geht nicht.

depressiv So, und an diesem Punkt scheiden sich die Meinungen der Kini-Fans und Königshaus-Gelehrten. War er nun depressiv? Davon gehen selbst die verklärten Ludwig-Anhänger aus. Oder war er außer Kontrolle? Dieser Meinungsgruppe gehören schon nicht mehr so viele an (siehe U wie unzurechnungsfähig).

Erfinder Neuschwanstein, ein Märchenschloss – was für eine unzureichende Beschreibung. Was Ludwig baute, das war ein High-Tech-Hof, der Prototyp des Nullenergiehauses. Denn der König war ein Technikfreak, verfolgte regelmäßig die „Polytechnischen Nachrichten“ der Leipziger Illustrierten Zeitung und reiste zur Pariser Weltausstellung. In Neuschwanstein ließ er Dampfkräne, eine Telefonanlage, Warmluft-Zentralheizungen und eine automatische Toilettenspülung einbauen. Es gab fließend heißes und kaltes Wasser. Und es gab eine Unmenge von Dienern, nach denen der Technik-König per batteriebetriebener Klingel verlangte.

Fantasie Sie war es, die den König rettete. Keine Frau etwa (er hat ja sogar seine Verlobung wieder aufgelöst – siehe V wie Verlobung), sondern die Fantasie. In ihr suchte er Trost, wenn das Königsein gerade mal wieder besonders mühsam war. Mitunter fiel es ihm aber schwer, Fantasie und Realität voneinander zu trennen.

„Nicht mehr lange und ich werde mir ein Paradies im Paradies erschaffen, meine vollkommene, menschliche Projektion als Antwort auf den unermesslichen Reichtum der Natur“

geisteskrank und großzügig Ludwig II. schenkte leidenschaftlich gern. Und er baute leidenschaftlich gern. Geld spielte dabei keine Rolle. War es also nur exzessives Geld- bzw. Goldausgeben oder eher der krankhafte Wahn, unrealistische Träume wahr werden zu lassen? (siehe U wie unzurechnungsfähig).

homosexuell Was für eine Sensation: Ludwig II. ist homosexuell! Ist aber doch gar keine Sensation, es gab ja viele Könige mit Männer-Vorliebe. Und somit ist Hermelin am Königsmantel auch nicht mehr kitschig und passt ins Bild.

jugend Ein cooler Teenie sieht freilich anders aus. Ludwig war nicht Raufbold und Sportler, sondern Tagträumer und Opernfan. Schon als Zwölfjähriger las er die Prosatexte Richard Wagners. Als 16-Jähriger war es dann geschehen um den Romantiker. Er sah Wagners Tannhäuser-Aufführung und war bis in die Ewigkeit begeistert. Ludwig hatte es aber auch nicht leicht in seiner Jugend. Zum Beispiel durften er und sein Bruder sich nie richtig satt essen – so eben das eiserne Prinzip des Vaters.

König Ludwig II.
König Ludwig II.

„Ob ich besonders musikalisch bin, weiß ich nicht. Auf jeden Fall bezeichnete mein Klavierlehrer Christian Wanner den Tag, als er mir als junger Kronprinz die letzte Unterrichtsstunde gab, als den glücklichsten seines Lebens“

König, Kunst und Klavier Dank, meint man, gilt Richard Wagner dafür, die Welt mit einer einzigartigen Opernsammlung beschenkt zu haben. Doch der Dank gilt natürlich erst einmal dem König, der für den Freund aus Sachsen seinen Geldbeutel gänzlich leerte – und all sein Vermögen in die Kunst steckte, das ihm sein Immobilien-Irrsinn noch gelassen hatte. Musikverstand sprach man dem König allerdings nicht zu. Klavier zu spielen, lernte der junge König zwar. Er erwies sich aber als untalentiert. Sein Lehrer sei wohl froh gewesen, als es mit dem Unterrichten ein Ende hatte. Ludwigs wahre Liebe galt der Literatur und somit auch eher dem Wagner-Libretto als den Streichern und Bläsern aus dem Orchestergraben.

Linderhof Endlich mal etwas zu Ende gebracht. Schloss Linderhof bei Ettal – eines der kunstvollsten Ensembles des 19. Jahrhunderts – ist die einzige Ludwig-Residenz, die nicht unvollendet blieb (siehe C wie Herrenchiemsee und N wie Neuschwanstein). Eine Vielfalt ohnegleichen: marokkanisches Haus und maurischer Kiosk im Park, englischer Landschafts- und französischer Barockgarten, Barock auch die Schlossfassade, im Inneren Rokoko und Neurokoko. Gern zog sich der König in die so genannte Hundinghütte zurück, ein germanisches Haus im Park, in dem es wie im III. Akt aus Richard Wagners Walküre aussah. Ein perfekter Platz, um nordische Sagen zu lesen und der Königs-Realität zu entwischen. Zur Unterstützung seines Zeit- und Weltensprungs gesellte Ludwig ein paar Diener in germanischer Kleidung um sich.

Musical Heute spielt man in Füssen das Ludwig-Musical für die Massen, 1865 spielte man es nur für Richard Wagner. Der verbrachte die Tage vom 11. bis 18. November bei Ludwig II. in Hohenschwangau. Nach einem gigantischen Feuerwerk über dem Alpsee wurde Wagners Lohengrin auf dem Wasser nachgespielt. Ein riesiger Kunst-Schwan zog einen Kahn, auf dem Lohengrin stolz die Brust schwoll. Mit elektrischem Licht wurde der Schwanenritter dramatisch beleuchtet. Ein Orchester besorgte den Klangteppich. Ein wenig Bayreuth-Festspiele im Schwangau.

Neuschwanstein Schloss Neuschwanstein, das weltbekannte Märchenbauwerk, wurde nach Ludwigs Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Eigentlich, um unter Beweis zu stellen, dass ein Erbauer eines solchen Schlosses nicht zurechnungsfähig gewesen sein konnte. Doch die Welt schüttelte nicht den Kopf. Statt dessen rannten die Besucher den Nachlassverwaltern vom ersten Tag an die königliche Bude im Schwangau ein. Allein in den verbleibenden Monaten des Jahres 1886 waren es 80.000. Heute sind es jedes Jahr rund 1,3 Millionen Besucher.

Otto Für alle ist er der Ludwig. Aber eigentlich heißt er, wie jeder vernünftige Adlige, ganz anders. In diesem Fall: Otto Friedrich Wilhelm von Wittelsbach, König von Bayern. Vielleicht hat man ja auch seine Erzieherin nach Ketten-Namens-Kriterien ausgesucht. Sie, die den König erzog, bis er sieben wurde, hieß Fräulein Maria Katharina Theresia Sybilla Meilhaus. Abgelöst wurde sie von Graf La Rosée. Auch für seinen Namen brauchte man natürlich Platz im Ausweis: Generalmajor Graf Theodor Basselet de la Rosée.

Postkarten Ludwig II. war bereits seinerzeit Postkartenmotiv Nummer eins. Mit ihm verdiente die Postkartenindustrie also schon immer gutes Geld. Die ersten Motive lieferten die ganz realen Ereignisse am Hof, aber auch fiktive, von Künstlern geschaffene Motive. Ein ganz reales Motiv war die in Seenot geratene Kammersängerin Josefine Scheffzky nebst einem König, den das nichts anzugehen schien. Schauplatz: der imposante und nach Ludwigs Tod wieder abgebaute Wintergarten (siehe W wie Wintergarten) auf der Münchner Residenz.

Qual Ludwig liebte die Berge, denn dort, so soll er Schiller zitiert haben, „ist Freiheit!“ Und weiter: „Die Welt ist vollkommen überall, wo der Mensch nicht hinkommt mit seiner Qual.“

Der König als Musical Star
Der König als Musical Star

„Ich zähle die ganze Nacht hindurch die Tage, die da kommen, bis meine Visionen endlich greifbare Realität werden. Ich kann deren Geburt nur mit Ungeduld erwarten. So viele Ideen beschäftigen meinen Geist“

Roseninsel und Richard Wagner Auf der Roseninsel im Starnberger See kam es zu interessanten Begegnungen. Dort traf Ludwig II. den preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm, dort kam er mit seinem so verehrten Opern-Komponisten Richard Wagner zusammen und dort tauschte er sich mit seiner seelenverwandten Cousine Sissi, der Kaiserin Elisabeth, aus. Die beiden Eigenbrötler entkamen auf der Roseninsel ihren nicht so beliebten höfischen Pflichten.

Sprengen und Studieren In die Luft jagen wollte er sie. Angeblich spielte Ludwig II. mit dem Gedanken, seine Schlösser nach seinem Tod sprengen zu lassen. Die Bauwerke, die er zu Lebzeiten nicht zur Besichtigung freigab, wollte er eben auch danach einer aus seiner Sicht unkultivierten Öffentlichkeit vorenthalten. Hintergrundwissen zu solcher Strategie hat er womöglich während des Studiums an der Münchner Universität aufgebaut. Nicht in den von ihm ab 1862 belegten Fächern Französisch und Philosophie, wohl aber in den Disziplinen Physik, Chemie und Kriegswissenschaften. 

Tischlein deck dich Ludwig II. genoss sein Essen am liebsten: allein. Also hat er sich für seine zehn Tage Aufenthalt in Herrenchiemsee und für seine Zeit auf Linderhof einen ganz besonderen Cateringservice gegönnt, ein Tischlein-deck-dich. Per mechanischer Hubeinrichtung konnte ein Esstisch samt gigantischer Fußbodenplatte eine Etage abgesenkt werden. Dort wurden die Köstlichkeiten aufgetragen, die dem menschenscheuen König gute Laune machen sollten. Und ab ging’s nach oben zum Diner.

 

"Mentor" Ludwig II. und "Meister" Wagner
"Mentor" Ludwig und "Meister" Wagner

unzurechnungsfähig Ludwig II. baute gern eindrucksvolle Schlösser, so viel ist sicher. Auch dass er damit die bayerische Staatskasse mächtig strapazierte, lässt sich nicht leugnen. Irgendwann wurde es seinen Ministern zu viel und sie begehrten auf. Eine Chance sahen sie darin, den König wegen Geisteskrankheit entmündigen zu lassen – leichtes Spiel versprachen sie sich, denn auch Ludwigs Bruder Otto galt ja als geisteskrank. So zumindest die Diagnose des Psychiaters Prof. Dr. Bernhard von Gudden. Jenen Gudden beauftragten die Minister dann auch in der Causa Ludwig II. – und sie bekamen was sie wollten. Der Psychiater attestierte dem König unheilbare Paranoia und Geistesschwäche. Entstanden war die noch heute umstrittene Form der Ferndiagnose, denn von Gudden hatte Ludwig gar nicht untersucht. Der Regierung war’s egal, sie entmündigte den König gleich am Tag darauf. Wenige Tage später starb Ludwig II. auf mysteriöse Weise im Starnberger See, zusammen mit seinem Psychiater (siehe XY wie Aktenzeichen XY).

Verlobung Einen König zu heiraten, das wär’s natürlich gewesen. Das wünschten sich die unzähligen Damen, die sich Ludwig zu Füßen warfen. Und es war natürlich auch das Ansinnen ambitionierter Mütter. Diese romantische Note allerdings fehlte dem Throninhaber, er wollte vom Heiraten nichts wissen. Erst einmal. Weil aber halt zu einem echten König auch eine Königin gehört, ließ er sich schließlich doch noch überreden. 1867 wird das Verlöbnis Seiner Majestät mit Sophie, der Schwester der österreichischen Kaiserin Elisabeth, bekannt gegeben. Verlöbnisbilder machen bereits die Runde, als sich Ludwig eines besseren besinnt und die Hochzeit abbläst. Vorher schon hat er den Termin der Trauung mehrfach verschoben.

Wintergarten In Anbetracht von Ludwigs Wintergarten müssten sich die Menschen heutzutage geneigt fühlen, ihre allenfalls wintergarten-ähnlichen Anbauten gleich wieder einzureißen. Ludwig setzte ein Zeichen mit seiner 70 mal 17 Meter mächtigen Glas- und Eisenkonstruktion. Neun Meter hoch war das Gebilde auf der München Residenz – und eine Sensation. Der Wintergarten gab einem Urwald aus Palmen und Blumen Heimat, dahinter eine gemalte Himalaya-Landschaft, davor ein See, auf dem sich unter anderen Kammersängerin Josefine Scheffzky herumrudern ließ. Angeblich theatralisch und womöglich nicht frei von Hintergedanken ließ sie sich ins Wasser fallen. Der König blieb ungerührt, die Frau musste sich von einem Diener retten lassen. Das Ereignis wurde zum Postkartenmotiv (siehe P wie Postkarte).

Aktenzeichen XY Ludwigs Tod wäre heute ein Fall für Aktenzeichen XY. Noch immer ist ungeklärt, wie der König ums Leben gekommen ist. Selbstmord? Mord? Bloßes Ertrinken im Starnberger See? Der Mythos auf jeden Fall lebt weiter (siehe G wie geisteskrank und großzügig).

zwei Ein König in Windeln. Zwei Jahre war Ludwig, als er – nachdem sein Vater, Ludwig I., 1848 abdankte – Kronprinz wurde. Wie der Sohn, so sorgte auch schon der Vater für Aufsehen. Denn abdanken musste dieser infolge einer Revolution, die provoziert wurde durch sein Verhältnis mit der Tänzerin Lola Motez. Ihr hübsches Antlitz ist heute, nett eingerahmt, in der Schönheitsgalerie in Schloss Nymphenburg zu sehen. Den Thron bestieg Ludwig II. dann 1868.